Fahrplan zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung in Berlin

Die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung ist eine der zentralen Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität. Hier haben wir eine besondere Verantwortung und nutzen zugleich aktiv unsere Gestaltungsmöglichkeiten, um die Wärmewende voranzutreiben. Der Dekarbonisierungsfahrplan dient uns als Leitlinie für die Transformation der Fernwärme. Er orientiert sich an den Rahmenbedingungen der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW) sowie dem Berliner Klimaschutz- und Energiewendegesetz (EWG Bln). 

Der bisherige Dekarbonisierungsfahrplan wurde 2023 aufgestellt. Damit stammt er aus einer Zeit mit anderem Eigentümer. Rahmenbedingungen und Annahmen  haben sich weiterentwickelt, Prioritäten verändert. Diesen Veränderungen trägt der aktualisierte Dekarbonisierungsfahrplan Rechnung.

Dekarbonisierungsfahrplan 2.0: Machbarkeiten & Dialog

2025 haben wir begonnen den bisherigen Dekarbonisierungsfahrplan weiterzuentwickeln. Grundlage für diese Weiterentwicklung sind die Erkenntnisse aus Wissenschaft, Forschung sowie das Wissen diverser Expert:innen. Gemeinsam haben wir die konkreten Berliner Gegebenheiten analysiert und zentrale Fragen geprüft: Beispielsweise zu geologischen Voraussetzungen für Tiefengeothermie, verfügbaren Flächen für Solarthermie, Temperatur und Strömung der Flüsse, Einsatzmöglichkeiten von Power-to-Heat oder dem Ausgleich von Lastspitzen durch Speicher. Auch potenzielle Abwärmequellen – etwa aus Industrie oder Rechenzentren, die Nutzung von Abfallenergie und der Beitrag von Biomasse wurden bewertet. Dieses fundierte Wissen wurde zudem in einen breiten Dialog mit zentralen Akteur:innen aus Umweltverbänden, Wirtschaft, Wissenschaft, Verbraucherschutz und Politik diskutiert.

Als Ergebnis steht ein aktualisierter Dekarbonisierungsfahrplan, der vor allem eine neue Flexibilität in den Fokus stellt: Statt wie bisher einen festen Pfad zu verfolgen, setzt der Plan auf drei mögliche Szenarien. Denn: Fast 20 Jahre trennen uns vom Zieljahr 2045. Die Szenarien schaffen einen Spielraum für die zukünftigen Entwicklungen, die wir heute noch nicht absehen können.

Transformation bis 2030

Bis zum Jahr 2030 wird der Kohleausstieg vollständig vollzogen sein. In Verbindung mit den bereits heute in Umsetzung befindlichen Dekarbonisierungsmaßnahmen sinken die CO2-Emissionen im Vergleich zum Basisjahr 1990 um circa 80 Prozent. Gleichzeitig werden mindestens 40 Prozent der Fernwärme aus erneuerbaren Energien und unvermeidbarer Abwärme bereitgestellt. Um dieses Ziel zu erreichen, wird in den Ausbau von Großwärmepumpen, die verstärkte Nutzung von Abwärmequellen und Biomasse, den weiteren Einsatz von Power-to-Heat-Anlagen sowie die Integration von Wärmespeichern zur Flexibilisierung des Erzeugungssystems investiert.

BEW Berliner Energie und Wärme | Wärmewende | Dekarbonisierungsfahrplan (Abb 14)

Transformation von 2030 bis 2035

Ausgehend von den bis zum Jahr 2030 getätigten Planungen und Vorarbeiten wird bis 2035 die Erschließung lokaler Wärmequellen weiter vorangetrieben. Insbesondere die Nutzung von Geothermie und Abwärme wird intensiviert, aber auch in den Bereichen Wärme aus thermischer Abfallbehandlung und Abwärmenutzung werden weitere Erzeugungsanlagen in Betrieb genommen.

Die Erzeugung aus fossilen Energieträgern wird hingegen zurückgefahren. Darüber hinaus wird die Netzinfrastruktur, wo möglich, auf niedrigere Temperaturniveaus umgestellt. Das erleichtert die Integration dezentraler Wärmequellen und verringert die Wärmeverluste. In diesem Zeitraum wird trotz steigenden Wärmebedarfs aufgrund des Fernwärmeausbaus, eine nochmalige Reduktion der CO₂-Emissionen angestrebt. Der Anteil der Wärme aus erneuerbaren Energien und unvermeidbarer Abwärme wird 2035 bei 50 Prozent liegen.

BEW Berliner Energie und Wärme | Wärmewende | Dekarbonisierungsfahrplan (Abb 16)
 

Vollständige Dekarbonisierung bis 2045

Der Zeitraum nach 2035 ist mit hohen Unsicherheiten hinsichtlich des regulatorischen und förderpolitischen Rahmens verbunden. Daher skizziert der Dekarbonisierungsfahrplan für die Erreichung der CO2-freien Fernwärmeversorgung bis 2045 drei Szenarien. Jedes beinhaltet unterschiedliche, in sich schlüssige Rahmenbedingungen.
 

Szenario „Lokale Wärme und Strom“

Dieses Szenario ist geprägt durch die umfangreiche Erschließung der lokalen Wärmepotenziale, die einen Anteil von 44 Prozent an der gesamten Wärmeerzeugung ausmachen. Dafür müssen neben vorhandenen Standorten auch zahlreiche neu zu erschließende, über das Stadtgebiet bzw. das Berliner Umland verteilte Erzeugungsstandorte genutzt werden. Daneben zeichnet sich dieses Szenario durch eine starke Elektrifizierung der Fernwärme aus. D. h. große Mengen Wärme werden aus Wärmepumpen und Power-to-Heat-Anlagen erzeugt.

Die Vorteile dieses Pfades liegen in der hohen Versorgungssouveränität und der geringeren Abhängigkeit von Brennstoffimporten. Das spiegelt sich in einem vergleichsweise geringen Anteil von 15 Prozent der Wärmeerzeugung aus Wasserstoff wider. Gleichzeitig erfordert dieser Weg erhebliche Investitionen in die Erschließung und Integration lokaler Wärmequellen, die Umgestaltung der Netze auf niedrigere Temperaturniveaus sowie die flächendeckende Nutzung von Speichertechnologien.
 

Szenario „Wasserstoff“

Mit einem Anteil von 45 Prozent setzt dieses Szenario stark auf die Nutzung von Wasserstoff zur Wärmeerzeugung an wenigen zentralen Standorten. Allerdings werden auch größere lokale Wärmepotenziale im Umfeld dieser Erzeugungsstandorte erschlossen, die einen Anteil von etwa 25 Prozent der erzeugten Wärme ausmachen. Der Einsatz von Strom zur Wärmeerzeugung ist reduziert.

Dieses Szenario ist stark abhängig von Importen und einer funktionierenden Wasserstoffwirtschaft. Es bietet den Vorteil, den Großteil der bestehenden Infrastruktur weiter nutzen zu können, insbesondere im Bereich der Heißwassererzeuger und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, was den Investitionsbedarf verringert.
 

Szenario „Mittelweg“

Dieses Szenario stellt eine ausgewogene Kombination der beiden vorherigen Ansätze dar. Lokale Wärmequellen werden dort genutzt, wo sie wirtschaftlich und technisch sinnvoll erschließbar sind. Gleichzeitig wird auf Wasserstoffimporte zurückgegriffen, insbesondere in Bereichen mit hohem Leistungsbedarf oder begrenzten lokalen Wärmequellen. Mit 34 Prozent und 30 Prozent wird jeweils ein etwa gleich großer Anteil an der Wärmeerzeugung bereitgestellt.

Dieses Szenario ist besonders robust gegenüber energiepolitischen Unsicherheiten und einer volatilen Marktentwicklung. Es erlaubt eine schrittweise Transformation, die sowohl lokale als auch überregionale Potenziale nutzt.

BEW Berliner Energie und Wärme | Wärmewende | Dekarbonisierungsfahrplan (Abb 26)

Dynamische Transformation der Fernwärme

Keiner kann in die Zukunft schauen. Dennoch ist der Dekarbonisierungsfahrplan weit mehr als ein Blick in die Glaskugel. In einem dynamischen Prozess wird er in den nächsten Jahren stetig weiterentwickelt und an die aktuelle Situation angepasst. Klar ist: Unsere Erzeugung wird wesentlich diverser und greift auf viele unterschiedliche Quellen zurück. Nicht zuletzt hängt das Gelingen der Transformation davon ab, ob die Politik die Plan-, Genehmigungs- und Förderverfahren vereinfacht und beschleunigt. Denn besonders die zentralen Projekte der Wärmewende wie Großwärmepumpen, Geothermieexplorationen oder Wasserstoffausbau erfordern mehrjährige Planungs- und Realisierungshorizonte.